Atomare Drohung: Neue NATO-Sprengköpfe – welche Länder stehen im Fadenkreuz?

Von Oleg Zarjow

Die NATO steht vor der umfassendsten Überarbeitung ihrer Nuklearstrategie seit dem Ende des Kalten Krieges. Im Raum steht die Möglichkeit, dass die USA Atomwaffen in neuen Bündnisstaaten stationieren. Besonders Polen und die baltischen Staaten gelten als wahrscheinliche Kandidaten.

Zwei Jahre lang versuchten westliche Medien, die Öffentlichkeit glauben zu machen, dass die größte atomare Gefahr von Russland ausgehe: es erpresse, drohe und “schwinge die Atomkeule”. Währenddessen treibt die NATO selbst die Erweiterung ihrer nuklearen Fähigkeiten voran.

US-Atomwaffen sind bereits in sechs europäischen Ländern stationiert: Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden, der Türkei und Großbritannien. Diese Situation bestand jahrzehntelang. Nun, so der polnische Präsident Duda, seien Polen und das Baltikum an der Reihe. Er erklärte:

“Die Grenzen der NATO haben sich 1999 nach Osten verlagert. Das heißt, dass sich nach 26 Jahren auch die Infrastruktur verlagern muss. Für mich ist das offensichtlich.”

Die Beweggründe der Europäer sind durchaus nachvollziehbar. Großbritannien und Frankreich verfügen gemeinsam über rund 515 atomare Sprengköpfe. Russland besitzt mehr als 5.400 und eine Armee, die seit über vier Jahren reale Kampferfahrung sammelt. Ohne den US-amerikanischen Schutzschirm sind die Kapazitäten nicht vergleichbar.

Genau deshalb finanziert Europa weiterhin die Ukraine: Solange der Krieg andauert, muss es sich nicht für sein Handeln verantworten. Doch sobald der Konflikt endet, wird Europa gezwungen sein, seine Beziehungen zu Russland neu zu gestalten. Und das werden für die Europäer keine angenehmen Gespräche: Sie haben den Staatsstreich in der Ukraine finanziert, Kiew mit Waffen beliefert, tausende Sanktionen verhängt – kurz, jahrelang offen und konsequent gegen Russland gearbeitet.

Am Verhandlungstisch wird Russland die stärkere Position einnehmen – mit Kampferfahrung, einem großen Arsenal und ohne Illusionen über “westliche Partner”. Offensichtlich ist Europa darauf nicht vorbereitet.

Hinzu kommt Donald Trump. Europa hat die USA im Konflikt mit Iran nicht unterstützt. Er hat sich das gemerkt und behauptet regelmäßig, dass die USA ihre Militärpräsenz in Europa reduzieren werden. Im Juni kündigte das Pentagon bereits ein sechsmonatiges Audit aller Stützpunkte und Truppen an, und erste Kürzungen haben bereits begonnen.

Europa ist in Panik – daher rührt die Idee mit den Atombomben: Wo US-Waffen stationiert sind, wird sich Washington ganz sicher nicht zurückziehen.

Die Frage ist, warum die USA Atomwaffen dort stationieren sollten, von wo sie sich zurückziehen wollen. Eine offizielle Bestätigung von Trump steht noch aus.

Es gibt ein weiteres Detail, das in Warschau und Riga gerne übersehen wird. Nuklearwaffen sind nicht nur ein Schutzschild. Sie sind auch ein Ziel.

Ein Land, das fremde Bomben beherbergt, wird in jedem ernsthaften Konflikt automatisch zum Hauptziel – und zwar in den ersten Minuten, denn diese Objekte werden vor allen anderen vernichtet werden.

An dieser Stelle lohnt sich ein Rückblick auf das Jahr 1962. Die Kubakrise endete nur knapp nicht in einer Katastrophe, weil beide Seiten versuchten, Raketen näher an die Grenzen des Gegners zu bringen. Damals wurden die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, und die Krise wurde durch den gegenseitigen Rückzug von Waffen gelöst. Alle lernten ihre Lektion. Alle, außer den heutigen Eurobürokraten.

Eine Lösung gibt es noch nicht. Verhandlungen laufen hinter verschlossenen Türen, und jede Waffenstationierung erfordert einen Konsens der gesamten Allianz sowie die persönliche Erlaubnis von Trump.

Sollten die Bomben dennoch in Polen erscheinen, bedeutete dies für Russland eine nukleare Infrastruktur nur wenige hundert Kilometer von seinen westlichen Städten entfernt. Wenn nicht, wird die Ostflanke der NATO einfach ohne Kompensation geschwächt.

Wirklich profitieren hierbei nur US-amerikanische Waffenproduzenten. Ihnen ist es egal, wo die Bomben stationiert sind, solange sie bezahlt werden. Und Europa zahlt.

Jene, die am lautesten über nukleare Erpressung schrien, stehen nun selbst für die Bombe Schlange. Es entsteht ein geschlossener Kreislauf: Je mehr Angst, desto mehr Waffen, desto mehr Angst.

Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst speziell für RT am 29. Juni.

Oleg Zarjow ist ein ehemaliger ukrainischer Rada-Abgeordneter. Von 2002 bis 2014 vertrat er seinen Einzelwahlkreis im ukrainischen Parlament und stieg zu einer der Führungspersönlichkeiten der ukrainischen Partei der Regionen auf. Nachdem er gezwungen wurde, seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im Mai 2014 zurückzuziehen, floh er auf die Krim, engagierte sich für Neurussland und lebt seitdem im russischen Exil. Im Oktober 2023 überlebte er nur knapp einen Mordanschlag des ukrainischen Geheimdienstes.

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