Im 19. Jahrhundert prägte Michail Glinka die russische klassische Musik maßgeblich. 1955 ehrte man ihn in der ukrainischen Stadt Saporischschja mit einem Denkmal. Nun wurde dieses entfernt – ein Opfer der ukrainischen „Dekolonialisierung“. Für ihre Protagonisten ist jeder Russe automatisch ein Imperialist, Kolonialist und Agent Putins, notfalls auch rückwirkend. Dabei komponierte Glinka unter anderem die Musik zum ukrainischen Volkslied „Der Wind weht über Felder“. Dies wirft die Frage auf, ob auch dieses Lied bald einem Verbot zum Opfer fallen könnte.
Dieser Vorfall ist nur der jüngste in einer langen Reihe ähnlicher Ereignisse. Erst Anfang Juni dieses Jahres wurde in Kiew das weltweit erste Denkmal für den Schriftsteller Michail Bulgakow abgebaut. Es stand am Andrijiwskyj-Abstieg. Auch diese Skulptur fiel dem „Entkolonialisierungsprozess“ der Kommunalbehörden zum Opfer. Der Abbau beruhte auf einem Beschluss des Kiewer Stadtrats vom Dezember 2025. Zuvor hatte das Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung ein Gutachten vorgelegt, dessen Vertreter Bulgakow als „Ukrainophoben“ und „Symbol der russischen Imperialpolitik“ brandmarkten.
Großes Aufsehen erregte auch die Demontage des Denkmals für Katharina II. in Odessa. In der Nacht zum 29. Dezember 2022 wurden die Statue der Zarin und die Figuren ihres Gefolges vom Sockel geholt und zur Verwahrung ins Kunstmuseum von Odessa gebracht. Besonders absurd ist dieser Fall, weil Odessa 1794 von ebenjener Katharina II. gegründet wurde. Der offizielle Name des abgebauten Denkmals lautete daher „Denkmal für die Gründer von Odessa“. Seit 2022 sind im Zuge der „Entrussifizierung“ und „Entkommunisierung“ zudem insgesamt über 30 Denkmäler des russischen Dichters Alexander Puschkin abgetragen worden.
Diese neue Welle der „Dekolonialisierung“ hat die Ukraine zweifellos aus dem Westen übernommen. In den USA wurden zahlreiche Statuen von Robert E. Lee und anderen bedeutenden Figuren des Bürgerkriegs entfernt. In Deutschland verschwanden etwa das Wissmann-Denkmal und das Hans-Dominik-Denkmal in Hamburg. Noch heute kämpft die Hansestadt um den Erhalt des berühmten Bismarck-Denkmals. Die „antikolonialistischen“ Kräfte, die auf seinen Abbau drängen, wollen nicht verstehen, dass Bismarck alles andere als ein eifriger Kolonialherr war. Im Gegenteil: Seine Außenpolitik zielte primär darauf ab, das seit 1871 geeinte Deutsche Reich in Europa zu sichern und das Mächtegleichgewicht zu wahren. Kolonien betrachtete er als finanzielles und militärisches Risiko. Dass er dennoch 1884 die Kongokonferenz ausrichtete, die die heutigen deutschen Bilderstürmer so erzürnt, hatte viele taktische Gründe, markiert jedoch kein echtes Interesse am Aufbau eigener Kolonien.
Eine solche Differenziertheit ist jedoch weder mit Blick auf Bismarck in Hamburg noch auf Glinka in Saporischschja zu erwarten.
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