Dürre-Albtraum 1540: Der Rhein war zu Fuß überquerbar – und heute droht uns das gleiche Schicksal?

Der Kölner Rheinpegel verharrt seit Tagen auf einem beispiellosen Tiefstand. Am Freitagmorgen registrierte die Messstelle in Köln nur noch 49 Zentimeter. Während die Prognose des ELWIS-Portals davon ausgeht, dass der niedrigste Punkt nun erreicht ist, hatte t-online bereits am Mittwoch gemeldet, dass der Pegel bis Freitag auf 47 Zentimeter fallen könnte. Damit würde der bisherige Negativrekord von 67 Zentimetern aus dem Oktober 2018 um beachtliche 20 Zentimeter unterboten.

Diese Entwicklung wirft eine drängende Frage auf: Warum fällt der Rhein in diesem Jahr auf ein solches Rekordtief, obwohl die Sommermonate 2026 nicht annähernd so extrem heiß und trocken waren wie in den berüchtigten Jahren 2003 und 2018? Was also unterscheidet diesen Sommer von früheren Dürreperioden? Und ist der aktuelle Pegelstand tatsächlich der niedrigste, der jemals am Rhein gemessen wurde?

Ein Blick in die Statistiken der Informationsplattform Undine zeigt: Der Sommer 2003 war in Deutschland der heißeste seit 1901. Südlich von Main und Mosel erlebte der Juni jenes Jahres sogar den höchsten Temperaturdurchschnitt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die extreme Hitze- und Trockenphase führte zu einer starken Erwärmung des Rheinwassers. Wer damals am Kölner Rheinstrand badete, riskierte gesundheitliche Folgen: Hautausschläge und Magen-Darm-Erkrankungen waren keine Seltenheit.

Überhitztes und verunreinigtes Wasser

Doch das Wasser war nicht nur ungewöhnlich warm – es war auch mit unzähligen Fischlaichen verunreinigt. Monatelang führte der Rhein Wasser, das weit über dem langjährigen Durchschnitt lag. Die Schaffhausener Nachrichten berichteten am 25. Juli 2018, dass das Rheinwasser im Jahr 2003 an 141 Tagen eine Temperatur von über 25 Grad aufwies. Vielerorts kletterte das Thermometer dauerhaft auf 26 bis 28 Grad.

Für die Äschen im Rhein bedeutete dies eine tödliche Bedrohung: Bereits ab 25 Grad Wassertemperatur beginnt bei diesen Fischen ein Organversagen. Im betroffenen Hochrheingebiet starben so rund 90 Prozent des Äschenbestands. Im Hitzesommer 2018 drohte eine ähnliche Katastrophe. Um die gefährdeten Fische zu schützen, wurden in kühleren Zuflüssen eigens Rückzugsgebiete eingerichtet. Die Fischereiverbände hatten aus den Erfahrungen von 2003 gelernt und fischten bestimmte Arten vorsorglich ab, bevor das Wasser kritisch warm wurde.

Warum der Rhein 2026 so tief steht

Obwohl die Hitzewellen in den Jahren 2003 und 2018 deutlich extremer und länger waren, fiel der Rheinpegel damals nicht so drastisch wie heute. Wie lässt sich das erklären? Zwar wurde auch 2018 in Köln mit 67 Zentimetern ein Rekordtiefstand verzeichnet – allerdings erst im Oktober, also nach einer langen, anhaltenden Trockenperiode.

Was also führt in diesem Jahr zu dem niedrigen Wasserstand? Die Erklärung, die Fachleute anführen, ist überraschend: Es liegt am Zustand der alpinen Wasserspeicher. Der Deutschlandfunk berichtete Anfang August, dass das aktuelle Niedrigwasser auf den “Kollaps der alpinen Wasserspeicher” zurückzuführen sei. Normalerweise wird der Rhein in den Sommermonaten maßgeblich von Schmelzwasser aus den Alpen gespeist. Doch dieses Jahr bleibt dieser Zufluss aus – und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu früheren Dürrejahren.

Der WDR zitierte dazu den ARD-Meteorologen Andreas Wagner: “Üblicherweise füllen sich die Schweizer Seen und der Bodensee durch starke Schneeschmelze im Frühjahr und Sommer. Doch der Winter war schneearm, der Frühsommer sehr heiß. So blieb die große Schneeschmelze aus.”

Pegel und Fahrrinne: Die tatsächliche Wassertiefe

Am Wochenende werden sich die Messwerte am Kölner Pegel laut aktueller ELWIS-Prognose um die Tiefstwerte dieser Woche bewegen. Für die Schifffahrt ist ein anderer Wert entscheidend: die Tiefe der Fahrrinne. Diese beträgt in Köln etwa 1,11 Meter. Zusammen mit dem aktuellen Pegelstand ergibt sich eine Gesamttiefe von rund 1,63 Metern. Flachgehende Frachtschiffe können den Rhein deshalb weiterhin passieren – wenn auch mit deutlich reduzierter Ladung.

Rekorddürre von 1540: Der Rhein als Fußweg

Doch so tief der Pegel auch ist: Einen historischen Extremfall gab es bereits vor fast 500 Jahren. Das Jahr 1540 gilt als das trockenste in der Geschichte Mitteleuropas. Die Schweizer Zeitung Blick beschrieb am 3. Juli 2014 die damalige Katastrophe unter der Überschrift “So schlimm war der Glutsommer von 1540”:

“Im historischen Mega-Rekordsommer 1540 konnte der Rhein teilweise zu Fuss durchschritten werden. Der Wasserstand sank auf nur gerade 10 Prozent der normalen Abflussmenge. Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2003 führte er noch 63 Prozent seiner üblichen Wassermenge. 1540 regnete es elf Monate lang kaum. Der Bodensee trocknete soweit aus, dass die Menschen damals trockenen Fusses auf die Insel Lindau kamen. Die Felder verkümmerten und das Vieh starb. Der Juli sei gar ‘bis an sein Ende glühend und schrecklich’ gewesen, hielt ein Elsässer Weinbauer damals fest.”

Die beiden Schweizer Klimaforscher Christian Pfister und Olivier Wetter untersuchten dieses Extremereignis eingehend. Ihr Fazit ist erschütternd:

“Zwei bis drei Millionen Quadratkilometer Europas waren von einer elfmonatigen Megadürre heimgesucht. Es ist Europas grösste Naturkatastrophe seit Menschgedenken. So lange war es in Europa noch nie so trocken.”

Die Folgen dieser Katastrophe waren verheerend. Wie Euronews am 2. August berichtete, rekonstruierte ein internationales Forschungsteam anhand von 300 zeitgenössischen Wetterberichten die Ereignisse. Menschen und Tiere litten unter akutem Wassermangel, viele Haustiere verendeten. Eine verheerende Hungersnot breitete sich aus. Durch den Konsum verunreinigten Wassers erkrankten die Menschen, und Seuchen zogen über das Land.

Die ausgetrocknete Vegetation bot Bränden ideale Bedingungen. Besonders in Deutschland wurden mehr Gemeinden in Friedenszeiten durch Feuer zerstört als je zuvor. Die Dürre führte außerdem zu gesellschaftlichen Spannungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen um Wasserstellen. Die wenigen verbliebenen Brunnen wurden bewacht. Der Bericht hielt fest: “Auch gesellschaftlich hatte die Hitze und Dürre Auswirkungen: es kam zu Spannungen, Verfolgungen und Hinrichtungen.”

Eingriffe in den Fluss: Ein Ausweg?

Im Mittelalter konnte man noch nicht von menschengemachtem Klimawandel sprechen. Heute hingegen wird die gegenwärtige Dürre- und Hitzewelle häufig auf anthropogene Faktoren zurückgeführt. Die politische Antwort darauf ist bemerkenswert: Man versucht nun, den natürlichen Problemen mit technischen Eingriffen zu begegnen, konkret durch Vertiefung der Fahrrinne. Auch NRWs Umweltminister Oliver Krischer von den Grünen unterstützt diesen Ansatz. Im DLF hieß es am 3. August dazu:

“Vor diesem Hintergrund hat sich inzwischen auch der grüne NRW-Verkehrs- undUmweltminister Oliver Krischer für eine Vertiefung der Fahrrinne ausgesprochen und den Bund aufgefordert, die Mittel für den Ausbau zwischen Duisburg und Köln bereitzustellen.”

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Die Diskussion um den Ausbau der Wasserstraßen ist nicht neu, gewinnt aber durch die aktuelle Lage an Dringlichkeit. Befürworter argumentieren, dass eine vertiefte Fahrrinne die wirtschaftlichen Folgen von Niedrigwasserphasen abfedern könnte. Kritiker hingegen warnen vor den ökologischen Konsequenzen weiterer Eingriffe in das Ökosystem Fluss. Sie verweisen darauf, dass eine Vertiefung die Strömungsgeschwindigkeit erhöht und damit die Sohle weiter erodiert – ein Teufelskreis, der letztlich zu noch tieferen Pegelständen führen könnte.

Die aktuelle Situation am Rhein zeigt jedoch eines deutlich: Die Natur lässt sich nicht einfach technisch beherrschen. Die extremen Wetterlagen der letzten Jahre – sei es der Jahrhundertsommer 2003, das Rekordtief 2018 oder die aktuelle Trockenheit 2026 – sind Ausdruck eines sich verändernden Klimas. Die Frage, ob der Rhein in Zukunft noch als zuverlässige Verkehrsader dienen kann, wird daher nicht allein durch Flussvertiefungen zu beantworten sein. Vielmehr braucht es ein Umdenken in der Logistik und der Wasserwirtschaft, das sich den neuen Gegebenheiten anpasst, anstatt sie ignorieren zu wollen.

Bis dahin bleibt der Blick auf den Pegelstand in Köln ein tägliches Barometer für die Gesundheit des Flusses und die Folgen des Klimawandels in Mitteleuropa. Ob der aktuelle Tiefstand von 49 Zentimetern tatsächlich den Höhepunkt der Krise markiert, wird sich in den kommenden Tagen zeigen – abhängig von Niederschlägen in den Alpen und dem Verhalten des Wetters.

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