Von Dagmar Henn
Die Bundesnetzagentur hat auf eine Anfrage von Apollo News, das als erstes Medium über die seit 2024 laufenden Arbeiten berichtete, klargestellt, dass es sich bei der geplanten “Sicherheitsplattform Strom” lediglich um eine “digitale Plattform” handele, die “die Kommunikation im Falle einer Energiemangellage verbessern” solle. Man betonte: “Die deutsche Stromversorgung ist sehr sicher und die Bundesnetzagentur hält großflächige Störungen der Stromversorgung weiterhin für sehr unwahrscheinlich.” Zudem “existieren keinerlei uns bekannte Gründe, welche für einen bevorstehenden Einsatz der Sicherheitsplattform Strom aufgrund von irgendwelchen Versorgungskrisen sprechen würden”.
Diese Aussagen mögen beruhigend wirken, doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich beunruhigende Details. Dass der Behördenchef den Grünen nahesteht und wenig Interesse daran hat, die bereits heute bestehenden Probleme des deutschen Stromnetzes offen anzusprechen, ist nur der Anfang. Entscheidend ist die Definition des Szenarios, für das sich mittelgroße Energieverbraucher (mit einem Jahresverbrauch von über acht Gigawattstunden) auf dieser Plattform registrieren lassen müssen: Es wird als “persistente Strommangellage/Krisensituation” beschrieben, die mehrere Tage bis Wochen andauern kann. Es geht also nicht um die Bewältigung eines – selbst großflächigen – Stromausfalls, sondern um eine anhaltende, massive Unterversorgung.
In einem solchen Fall könnten Betriebe mit einer Vorwarnzeit von 24 bis 72 Stunden angewiesen werden, ihren Verbrauch zu drosseln. Laut einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine schriftliche Abgeordnetenfrage vom 21.07.2025 gab es in Deutschland 12.376 Unternehmen mit einem jährlichen Energieverbrauch von über 7,5 Gigawattstunden (GWh). Davon verbrauchten 9.074 mehr als zehn GWh. Die Zahl der von diesen Planungen betroffenen Firmen dürfte also zwischen 11.000 und 12.000 liegen. Betroffen wären vor allem die chemische Industrie, die Metallindustrie, die Glas- und Keramikherstellung, die Papierindustrie sowie die Mineralölverarbeitung und Kokereien.
Eine Auswertung der Tabelle aus der Ministeriumsantwort – wobei Unschärfen bestehen, da nur die jeweiligen Untergrenzen bekannt sind und die erste Schwelle bei 7,5 GWh liegt – ergibt für den minimalen Gesamtverbrauch der betroffenen Betriebe einen Wert von etwa 207 Terawattstunden (TWh). Dies entspricht einem erheblichen Anteil am gesamten deutschen Stromverbrauch, der derzeit bei rund 460 bis 480 TWh pro Jahr liegt. Unternehmen mit einem Strombedarf von über acht GWh jährlich repräsentieren damit mehr als 40 Prozent des gesamten Strombedarfs – und das, obwohl die Produktion seit 2022 um 15,2 Prozent zurückgegangen ist.
Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Beschäftigten in diesen Branchen nicht im gleichen Maße gesunken ist wie die Produktion; hier verzeichnet man lediglich einen Rückgang von 6,3 Prozent. Aktuell arbeiten in diesen Sektoren rund 794.400 Menschen in Deutschland, was ungefähr 15 Prozent aller Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe entspricht.
Erst diese Zahlen verdeutlichen die Dimension der Planungen: Es geht um staatliche Eingriffe, die bis zu vierzig Prozent des Stromverbrauchs betreffen könnten. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt lieferten Gaskraftwerke in Deutschland im Jahr 2025 rund 70,6 TWh, Kohlekraftwerke 96,8 TWh und die bekanntermaßen schwankenden erneuerbaren Energien 256,9 TWh. Im Jahresverlauf mussten 19,4 TWh importiert werden.
Von dem Kohlestrom stammen bis zu 67 TWh aus heimischer Braunkohle. Die Steinkohle für den Rest wird hauptsächlich aus den USA und Australien importiert, wobei sie – mit Ausnahme polnischer Kohle – per Schiff angeliefert wird.
Hier liegt bereits der erste kritische Punkt: Die Braunkohleförderung in Deutschland soll beendet werden. Rund die Hälfte entfällt auf das Rheinische Revier, wo der Abbau bis 2030 enden soll. Das bedeutet, dass mindestens 37 TWh wegfallen werden. Die andere Hälfte, die Abbaugebiete in der Lausitz und in Sachsen/Sachsen-Anhalt, soll bis 2038 stillgelegt werden.
Dass die derzeitigen 70 TWh aus Erdgas unsicher sind, zeigt aktuell der Iran-Krieg. Der Ausfall von LNG-Lieferungen aus der Golfregion ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie solche absehbaren, längerfristigen Ausfälle entstehen können. Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher liegt derzeit bei nur 46,3 Prozent; im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt 50,3 Prozent, und auch damals lag der Stand im Vergleich zu anderen Jahren deutlich unter dem Maximum.
Durch die Sanktionspolitik der EU ist die europäische Gasversorgung inzwischen stark von LNG-Importen, unter anderem aus den USA, abhängig. Laut Daten von Kpler wurden seit Beginn des Iran-Kriegs jedoch mindestens elf LNG-Tanker, die sich auf dem Weg nach Europa befanden, nach Asien umgeleitet. Auf den ersten Blick erscheint das wenig, angesichts von etwa 142 LNG-Tankern, die monatlich in europäischen Häfen anlegen. Doch die LNG-Importe blieben im ersten Halbjahr nur deshalb auf dem Niveau des Vorjahres, weil zu Jahresbeginn deutlich mehr importiert wurde – teils notgedrungen wegen der niedrigen Speicherstände, teils, weil man vor dem EU-Verbot noch so viel russisches LNG wie möglich erhalten wollte. Im Juni jedoch lag die importierte LNG-Menge um 18 Prozent unter dem Vorjahr.
Nur 14 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs werden für die öffentliche Stromerzeugung genutzt; weitere sechs Prozent benötigen Industriebetriebe für die eigene Stromversorgung. 38 Prozent gehen an Haushalte für Heizung und Warmwasser, weitere acht Prozent in die Fernwärme; zusammen also 46 Prozent. Der Rest geht an Gewerbe und Industrie, auch als Rohstoff. Unbeeinträchtigt von Problemen auf globalen Transportrouten sind nur die maximal 44 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs, die durch norwegisches Erdgas abgedeckt werden; der Rest hängt direkt oder über den Umweg über Belgien oder die Niederlande an den LNG-Lieferungen.
Sollten die LNG-Lieferungen aus welchen Gründen auch immer massiv zurückgehen oder gar ausfallen (sei es, weil asiatische Abnehmer besser zahlen), entstünde eine scharfe Konkurrenz zwischen den Endverbrauchern des Erdgases. Dies könnte durchaus dazu führen, dass die Stromerzeugung aus Erdgas – also die erwähnten 70 TWh – ausfällt.
Hinzu kommen weitere Faktoren, denn dieser Stromverbrauch bleibt keineswegs statisch, ganz im Gegenteil. Die Pläne, Autofahrer auf Elektroautos zu verpflichten, hätten selbstverständlich ebenfalls Auswirkungen auf den Stromverbrauch. Würde ein Drittel der deutschen Pkw-Flotte mit Strom betrieben, stiege der Verbrauch um 33 bis 46 TWh. Das ist für sich genommen nicht sehr viel, aber alle anderen Faktoren bleiben ja bestehen. Zudem wollen die meisten Nutzer ihre Fahrzeuge abends laden, sodass sich dieser Verbrauch nicht gleichmäßig über den Tag verteilt. Besonders im Winter, während der Dunkelflaute, ist der Verbrauch deutlich höher.
Ein weiterer Faktor ist der so dringend gewünschte Ausbau von Künstlicher Intelligenz (KI), der ebenfalls einen zusätzlichen Strombedarf generiert. Für Deutschland wird mit mindestens 16 TWh zusätzlich gerechnet. KI-Rechenzentren gehören zur absoluten Spitzenklasse der Energieverbraucher: Aktuell verbrauchen sie so viel Strom wie Hunderttausende Haushalte; geplante Großanlagen erreichen bis zu 8,7 TWh jährlich. Zum Vergleich: Die Betriebe, die sich bei der Bundesnetzagentur registrieren lassen sollen, haben einen Verbrauchvon mehr als acht GWh – das ist gerade einmal ein Tausendstel davon.
Das Problem dabei: Je stärker KI in alle Abläufe integriert wird, desto unmöglicher würde es, sie im Falle einer unzureichenden Stromversorgung zu drosseln oder gar abzuschalten. Hinzu kommt, dass diese Strommengen kontinuierlich, 24 Stunden am Tag, verfügbar sein müssen – also keinerlei Flexibilität für die Schwankungen von Wind- und Sonnenstrom bieten. Deshalb schlägt hier nicht nur die schiere Menge zu Buche, sondern auch eine hohe Priorität, die andere Nutzer verdrängt.
Und dann gibt es noch einen weiteren Steigerungsfaktor. Auch die aktuelle Bundesregierung beabsichtigt weiterhin, Gasheizungen in Deutschland durch Wärmepumpen zu ersetzen, wenn auch in langsamerem Tempo. Würde man alle Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzen, entstünde ein zusätzlicher Stromverbrauch von mindestens 85 TWh. Natürlich fällt all das nicht von heute auf morgen an, aber bei diesen Planungen geht es ja gerade um einen langfristigen Mangel. Rechnet man nun zusammen, was alles geplant ist, fallen in absehbarer Zeit auf jeden Fall die 37 TWh aus der Braunkohleverstromung weg, während bis zu 46 TWh durch Elektroautos, 16 TWh durch KI-Anlagen und bis zu 88 TWh für Wärmepumpen hinzukommen könnten. Die Erzeugung sänke damit – noch ganz ohne die Volatilität der LNG-Lieferungen – auf 443 TWh, der Verbrauch stiege aber auf 630 TWh. Das ergäbe eine Lücke von fast einem Drittel – genau das, was man als “persistente Strommangellage” bezeichnen könnte.
Aber wer weiß, vielleicht wird dieser Strom ja so teuer, dass der Verbrauch weiter einbricht? Oder es verschwinden noch größere Teile der energieintensiven Industrie? Nüchtern betrachtet wäre das geradezu die Voraussetzung dafür, bei einer Umsetzung der bereits geplanten Entwicklung noch eine Stabilität des deutschen Stromnetzes erzielen zu können. Aktuell laufen zwar Ausschreibungen für den Bau neuer Gaskraftwerke, die bis 2031 betriebsbereit sein sollen – aber sie laufen eben auf Erdgas, bei dem auf den günstigsten und verlässlichsten Lieferanten verzichtet wurde.
Diese Kraftwerke sollen später auf Wasserstoff umstellbar sein – von dem aktuell noch niemand weiß, woher er kommen soll. Fantasien, in Nordafrika mit Solarstrom Wasserstoff zu erzeugen und diesen dann nach Europa zu transportieren, dürften an zwei Punkten scheitern: Zum einen hat das wasserarme Nordafrika die etwa neun Liter Wasser, die für einen Liter Wasserstoff benötigt werden, nicht (die Menge ergibt sich aus dem Atomgewicht von H₂O: Wasserstoff hat 1, Sauerstoff 16; zusammen 18; Wasserstoffgas ist H₂, also 2). Zum anderen ist Wasserstoff als das kleinste Molekül deutlich schwerer zu transportieren als Erdgas, das den etwa 1,4-fachen Durchmesser und das achtfache Gewicht hat. Das winzige H₂-Molekül entweicht sogar aus Dichtungen, die gegenüber Erdgas absolut dicht sind; es benötigt spezielle Beschichtungen in Pipelines, weil es mit Stahl reagiert. Zudem beträgt die enthaltene Energiemenge pro Kubikmeter nur ein Drittel des Erdgases.
Fazit: Diese Gaskraftwerke, die ohnehin nur maximal 25 TWh liefern sollen, weil sie nur einspringen sollen, wenn Sonne und Wind keine Energie liefern, decken nicht einmal die Lücke, die durch die Stilllegung des rheinischen Braunkohleabbaus entsteht. In der berüchtigten Dunkelflaute fällt die Stromleistung der Erneuerbaren um beeindruckende 90 Prozent – da retten diese Gaskraftwerke nicht viel.
Wer in den letzten Jahren größere Bauprojekte beobachtet hat, erwartet ohnehin, dass bis 2031 vielleicht gerade einmal die Baugenehmigung durch ist; schließlich muss das gewünschte wasserstofffähige Gaskraftwerk mit den oben beschriebenen Problemen erst noch erfunden werden. Es sei denn, es gäbe eine Bundesregierung, die den gesamten Klimakatalog schnellstmöglich in die Tonne befördert, den Heizungsumbau absagt, die Elektromobilität sein lässt und wieder eine verlässliche Gasquelle sichert. Dann wäre Stabilität vielleicht zu haben. Aber bei einer geplanten Unterversorgung von einem Drittel ist dafür kein Weg vorstellbar – außer natürlich, man sieht zu, wie die energieintensive Industrie verschwindet.
Tja, hätte man einst nicht vor überschießender Intelligenz alle Schächte des Steinkohlebergbaus zubetoniert, man könnte vermutlich beim aktuellen Stand der Technik sogar wieder konkurrenzfähige Kohle im Ruhrgebiet fördern. Doch derzeit gibt es gute Gründe, sich über lang anhaltende Strommangellagen Gedanken zu machen, denn sie sind das unausweichliche Ergebnis der gültigen politischen Beschlusslage. Da kann dann der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft noch so treuherzig beteuern: “Uns sind keinerlei Gründe bekannt, die für einen bevorstehenden Einsatz der Sicherheitsplattform Strom infolge von Versorgungskrisen sprechen würden.”
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