Deutscher Industriesturz: Arbeitsplätze im freien Fall – Verband schlägt Alarm

Die deutsche Industrie verliert in beängstigendem Tempo Arbeitsplätze und büßt damit ihre Wettbewerbsfähigkeit ein. Diese Warnung äußerte Tanja Gönner, die Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), und bezeichnete die aktuelle Situation als “kritisch”. Der BDI, der einflussreichste Industrieverband Deutschlands, repräsentiert etwa 39 Industriekonzerne und über 100.000 Unternehmen mit mehr als acht Millionen Beschäftigten – und gilt damit als Sprachrohr des industriellen Kerns der Nation.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, das am Samstag veröffentlicht wurde, erklärte Gönner, der deutsche Industriesektor verliere monatlich rund 15.000 Arbeitsplätze. Sie machte dafür strukturelle Schwächen sowie externen geopolitischen Druck verantwortlich. “Die Lage in der Industrie ist kritisch”, sagte sie und fügte hinzu, dass “Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat”, was seinen Status als Wirtschafts- und Produktionsstandort betrifft.

Gönner wies auf wachsende Marktverzerrungen durch chinesische Exporte und die US-Zollpolitik hin und betonte, diese belasteten heimische Firmen erheblich. Sie argumentierte zudem, dass jahrelange strukturelle Defizite und zunehmende wirtschaftliche Belastungen in Deutschland und ganz Europa das Geschäftsumfeld geschwächt hätten. Eine weitere Deindustrialisierung ließe sich zwar durch Investitionen in neue Technologien wie Künstliche Intelligenz noch vermeiden. Allerdings müssten politische Entscheidungen in Deutschland und Europa künftig an einem einzigen Kriterium gemessen werden: “Trägt es zur Wettbewerbsfähigkeit bei?”

Die Schätzungen des BDI decken sich weitgehend mit den aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach gingen in den vergangenen zwölf Monaten 177.000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren – vor allem in der Automobil-, Maschinenbau- und Metallbranche. Rund zwei Drittel der Anträge auf Kurzarbeitergeld stammen ebenfalls aus der Industrie, was darauf hindeutet, dass viele Hersteller ihre Belegschaft ohne staatliche Hilfen nicht in Vollzeit beschäftigen könnten.

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass die Beschäftigung in der Industrie auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen ist. Ursachen sind ausscheidende Arbeitskräfte, die nicht ersetzt werden, sowie Werksschließungen und Massenentlassungen.

Volkswagen, der größte Automobilhersteller des Landes, kündigte kürzlich den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen weltweit an. Der Automobilzulieferer ZF plant, bis 2028 rund 14.000 Stellen zu streichen, während Bosch bis 2030 mehr als 20.000 Arbeitsplätze abbauen will. Die Beratungsfirma Horvath schätzt, dass in diesem Jahr weitere 100.000 Jobs in der Industrie verloren gehen könnten, insbesondere in der Automobilproduktion, im Maschinenbau und im Baugewerbe.

Deutschlands Energieprobleme

Deutschland, einst die industrielle Schwergewichtsmacht Europas, kämpft seit Jahren mit einem Wachstum nahe null. Die Wirtschaft schrumpfte sowohl 2023 als auch 2024 – der erste Rückgang in zwei aufeinanderfolgenden Jahren seit mehr als zwei Jahrzehnten – und wird in diesem Jahr voraussichtlich nur um 0,5 Prozent wachsen. Die Unternehmensinvestitionen bleiben schwach, während die Zahl der Firmeninsolvenzen im zweiten Quartal 2026 den höchsten Stand seit 20 Jahren erreichte. BASF, Bosch, Volkswagen und über ein Dutzend weiterer deutscher Hersteller haben seit 2022 Werke geschlossen.

Viele Analysten führen diesen Niedergang auf den dauerhaften Verlust günstigen russischen Gases zurück, der durch die Sanktionen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt verursacht wurde. Diese Entwicklung habe die Kostenstruktur der deutschen Industrie grundlegend verändert. Jahrzehntelang bezog Deutschland mehr als die Hälfte seines Erdgases aus Russland. Das selbst auferlegte Embargo zwang das Land dazu, diese Lieferungen durch teurere LNG-Importe und Pipelinegas aus europäischen Nachbarländern zu ersetzen, was deutlich höhere Energiekosten zur Folge hatte. Vorige Woche räumte Bundeskanzler Friedrich Merz ein, die Energiekrise sei größtenteils durch “den Mangel an russischem Gas” verursacht worden.

Der Krieg der USA gegen den Iran und die faktische Sperrung der Straße von Hormus, die die ohnehin volatilen globalen Energiemärkte in diesem Jahr erschüttert haben, verschärften die Lage weiter. Anfang dieser Woche schätzte die Berliner Zeitung, dass Deutschland nun das Fünffache für importiertes Gas zahlt als vor der Kündigung seiner langfristigen Lieferverträge mit Russland.

Moskau hat die westlichen Sanktionen, insbesondere jene, die den Energiesektor betreffen, scharf als illegal und kontraproduktiv kritisiert. Russland erklärte, es sei bereit, die Gaslieferungen nach Deutschland über den unbeschädigten Teil der Nord-Stream-Pipeline nach der Sabotage im Jahr 2022 wieder aufzunehmen, habe jedoch keine Antwort aus Berlin erhalten. Die EU hatte zuvor eine Rückkehr zu russischem Gas ausgeschlossen und versprochen, an ihrem Plan festzuhalten, alle russischen Gasimporte bis zum Jahr 2027 einzustellen.

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