Von Dmitri Skworzow
Die iranischen Wirtschaftskennzahlen zeichnen ein Bild der Verwüstung. Der Rial fällt auf immer neue Rekordtiefs, die Inflation verharrt im zweistelligen Bereich, die Ölexporte sind durch die US-Seeblockade nahezu versiegt, und die Kaufkraft der Bevölkerung schrumpft spürbar. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für 2026 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,4 Prozent voraus, bei einer durchschnittlichen Teuerung von 68,9 Prozent. Bis August lag die tatsächliche Preissteigerung sogar noch darüber. Die Financial Times spricht von einer Inflationsrate von über 80 Prozent, während die Preise für Lebensmittel um fast 130 Prozent gestiegen sein sollen.
Ein erster Blick legt eine naheliegende Schlussfolgerung nahe: Je länger der Konflikt andauert, desto weniger wirtschaftliche Ressourcen verbleiben Teheran, und desto schneller erlahmt seine Kampfkraft. Doch trifft diese Annahme wirklich zu?
Zwei Ökonomien in einem Land
Die iranische Volkswirtschaft ist vielschichtig strukturiert. Einerseits existiert ein breiter Privatsektor aus Klein- und Mittelbetrieben – im Handel, bei Dienstleistungen, in der Leichtindustrie, im Bauwesen, bei Internetfirmen und in der Konsumgüterproduktion.
Andererseits gibt es einen zweiten, davon abgegrenzten Sektor: die Öl- und Gasförderung, die Energiewirtschaft, die Metallurgie, die Petrochemie, Großprojekte der Infrastruktur und den militärisch-industriellen Komplex. Hier ist der Einfluss des Staates sowie der direkt oder indirekt mit den Revolutionsgarden verbundenen Strukturen deutlich ausgeprägter.
In Friedenszeiten sind beide Systeme miteinander verflochten. Im Kriegsfall jedoch kann der Staat eine strikte Hierarchie zwischen ihnen errichten. Halbiert sich der Zufluss an Devisen, bedeutet das keineswegs, dass alle Importeure nur noch die Hälfte an Dollar oder Yuan erhalten.
So lässt sich etwa auf die Einfuhr von Autos, Haushaltsgeräten, Smartphones oder Ausrüstung für kleine Firmen verzichten, während gleichzeitig der Einkauf von Werkzeugmaschinen, Mikroelektronik, Elektromotoren, Navigationssystemen und chemischen Bestandteilen für die Rüstungsindustrie fortgeführt wird. Analoges gilt für Strom, Verkehr, Kredite und staatliche Investitionen.
Es entsteht eine klare Rangfolge der Prioritäten: Zuerst kommen Militär und Rüstung, dann der Energiesektor und die Infrastruktur, danach die Grundversorgung der Bevölkerung – und erst zuletzt die reguläre Zivilwirtschaft. Ein solches System kann dazu führen, dass das BIP fällt und die Realeinkommen sinken, während die Produktion bestimmter Waffentypen gleichzeitig sogar zunimmt.
Das heißt freilich nicht, dass der Krieg am iranischen Rüstungskomplex spurlos vorbeigegangen wäre. Die Angriffe der USA und Israels trafen Betriebe und Einrichtungen, die mit der Herstellung von Raketen, Drohnen und Luftabwehrsystemen befasst sind. Zudem wurden jene Branchen attackiert, ohne die eine Rüstungsproduktion nicht möglich ist: Energie, Gas, Petrochemie, Metallurgie und Transport. In den ersten Kriegswochen kursierten in westlichen Medien Einschätzungen, wonach die Fähigkeit Irans, seine Raketen- und Drohnenbestände schnell wieder aufzufüllen, ernsthaft beeinträchtigt sei.
Doch das Bild begann sich zu wandeln. Im Mai berichtete Reuters über eine Analyse des US-Geheimdienstes: Der Wiederaufbau der iranischen Rüstungsindustrie gehe deutlich schneller vonstatten als zunächst angenommen. Demnach sei ein Teil der Drohnenfertigung bereits während des sechswöchigen Waffenstillstands reaktiviert worden. Reuters konnte diese Informationen zwar nicht unabhängig verifizieren, doch allein die Tatsache, dass sich die US-amerikanischen Bewertungen geändert haben, ist bemerkenswert. Inzwischen soll auch Israel überrascht sein vom Tempo, mit dem der iranische Militärkomplex wiedererstarkt.
Produktionsanlagen zu zerstören und industrielles Wissen zu vernichten sind zwei unterschiedliche Dinge. Bleiben einem Land Ingenieure, Konstruktionspläne, ein Teil des Maschinenparks, Lieferantennetzwerke sowie der Zugang zu kritischen Importkomponenten erhalten, lässt sich die zerstörte Fertigung verlagern, dezentralisieren und wiederaufbauen. Dann ist nicht mehr das gesamte iranische BIP der entscheidende limitierende Faktor.
Dies ist das zentrale Paradoxon der gegenwärtigen Lage. Der Verlust der Öleinnahmen trifft Iran schwer. Anfang August kam die Ölverschiffung von der Insel Charg – dem wichtigsten Exportterminal des Landes – praktisch zum Erliegen. Die Financial Times meldete, dass dort seit dem 31. Juli keine Tanker mehr beladen wurden. Teheran habe begonnen, die Förderung zu drosseln, da die Lager zunehmend vollliefen.
Für die reguläre Wirtschaft bedeutet das einen Devisenmangel. Importe werden teurer oder unmöglich, der Rial verliert an Wert, ausländische Güter und Rohstoffe verteuern sich, die Inflation klettert. Für die Rüstungsindustrie jedoch ist weniger das Gesamtvolumen an Devisen entscheidend, sondern vielmehr der Zugang zu einer begrenzten Anzahl unverzichtbarer Güter.
Eine moderne Rakete oder Drohne kann zwar größtenteils in Iran gefertigt werden, ist aber auf importierte Bauteile wie Servomotoren, Leiterplatten, Mikrochips, CNC-Maschinen oder spezielle Chemikalien angewiesen.
Die US-Sanktionslisten machen diese “Engpässe” sichtbar. Im Mai verhängten die USA Strafmaßnahmen gegen diverse chinesische und Hongkonger Firmen, die laut US-Finanzministerium Iran dabei unterstützt hatten, Rohstoffe und Ausrüstung für die Herstellung ballistischer Raketen und Drohnen zu beschaffen.
Die Kosten solcher Lieferungen sind nicht vergleichbar mit den Ausgaben für den normalen Konsum einer fast 90 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung. Daher ist ein Szenario durchaus plausibel, in dem die Öleinnahmen des Landes um mehrere Dutzend Prozent sinken und der Verbrauchermarkt in eine Krise rutscht, während die Produktion bestimmter Drohnentypen weiterläuft. Die entscheidende Frage ist, wem die verbleibenden Devisen zukommen.
Genau hier kommt China eine Schlüsselrolle zu. Vor dem Krieg war China der Hauptabnehmer iranischen Öls und sicherte Teheran damit einen erheblichen Teil seiner Deviseneinnahmen. Die US-Blockade hat nun auch diese Möglichkeit dramatisch eingeschränkt. Für die iranische Rüstungsbranche ist jedoch etwas anderes wichtiger: China bietet eine immense industrielle Basis, auf der Werkzeugmaschinen, Elektronik, Motoren, chemische Grundstoffe und eine Vielzahl von Produkten mit doppeltem Verwendungszweck erworben werden können.
Iran muss dafür nicht zwangsläufig zuerst an US-Dollar gelangen. Vereinfacht ließe sich die Lieferkette so skizzieren: iranisches Öl – chinesischer Käufer – Abrechnung in Yuan – chinesische Ausrüstung und Komponenten – iranische Industrie. Gerade die US-Sanktionen gegen chinesische Unternehmen belegen, dass solche Kanäle existieren.
Um die gesamte iranische Wirtschaft zu retten, wären Dutzende Milliarden Dollar nötig. Für eine wesentliche Verstärkung eines bestimmten Luftabwehrabschnitts reichen jedoch Dutzende Millionen Dollar aus. Genau deshalb kann China eine enorme Rolle bei der Erhaltung des strategischen Kerns Irans spielen, ohne Teheran die Verluste der gesamten Zivilwirtschaft auszugleichen.
Die Zeche zahlt die Zivilwirtschaft
Außerhalb des
strategisch bedeutsamen Sektors zeichnet sich ein gänzlich anderes Bild ab. Bereits im April berichtete Reuters von einer deutlich spürbaren Kettenreaktion: Die Beschädigung großer Betriebe zwang Dutzende kleinerer Zulieferer zur Einstellung ihrer Produktion. In Täbris musste der Inhaber einer kleinen Nähfabrik seine Fertigung einstellen und die Mitarbeiter entlassen. In Teheran erklärte die Betreiberin einer Kunstgalerie, ihr Geschäft sei praktisch am Ende.
Besonders verheerend wirkten sich die Unterbrechungen der Kommunikationswege aus. Aufgrund der wochenlangen Internetabschaltung sah sich die Regierung im April gezwungen, für Unternehmen einen Sonderzugangsmodus einzuführen. Der durch die Einschränkungen verursachte Schaden wurde unter Einbeziehung indirekter Verluste auf bis zu 80 Millionen US-Dollar pro Tag geschätzt. Am stärksten betroffen waren kleine Firmen, Freiberufler und Internetdienste.
Im August machte sich die Krise bereits im unmittelbaren Konsumverhalten eines Großteils der Käufer bemerkbar. Die Financial Times beschreibt die Zunahme von „Jetzt kaufen – später bezahlen“-Modellen, die nicht nur bei Elektronik, sondern inzwischen sogar bei Lebensmitteln Anwendung finden. Die Menschen reduzieren ihre Ausgaben für Grundnahrungsmittel, verkaufen Gold und greifen zu beschädigtem oder günstigerem Gemüse.
Genau hier zeigt sich, wie die iranische Bevölkerung de facto für die Aufrechterhaltung der staatlichen Stabilität aufkommt. Es gibt keinen Mechanismus, durch den Gelder aus Familienbudgets direkt an ein Raketenwerk überwiesen würden. Der Prozess funktioniert subtiler.
Durch die Inflation verlieren Einkommen und Ersparnisse an Wert. Durch Devisenbeschränkungen reduzieren sich die Konsumimporte. Durch die bevorzugte Zuteilung von Energie und Ressourcen werden zivile Betriebe in ihrer Arbeit eingeschränkt. Über den Staatshaushalt werden Mittel ins Militär, in die Infrastruktur und in dringende Reparaturen umgeleitet – auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung.
Wie lange kann der Privatsektor unter diesen Bedingungen durchhalten? Eine einheitliche Antwort gibt es darauf nicht. Am schnellsten kollabiert der Bereich der nicht lebensnotwendigen Konsumgüter: Restaurants, Unterhaltung, Tourismus, Werbung, große Teile des modernen Dienstleistungssektors sowie teure Importartikel.
Die nächste Stufe betrifft die allgemeine Industrie. Hersteller von Bekleidung, Haushaltsgeräten, Autos, Kunststoffen oder Baumaterialien benötigen gleichzeitig zahlungsfähige Kunden, Strom, Rohstoffe, Transportmöglichkeiten, Betriebskapital und häufig auch importierte Komponenten. Fehlen mehrere dieser Elemente gleichzeitig, reduzieren die Betriebe zunächst ihre Produktion und stellen schließlich ganz ein.
Die Grundversorgung lässt sich jedoch wesentlich länger aufrechterhalten. Die Menschen kaufen weiterhin Nahrungsmittel, lassen Kleidung reparieren, besorgen Medikamente und nehmen einfache Dienstleistungen in Anspruch. Es findet kein vollständiges Verschwinden der zivilen Wirtschaft statt, sondern ihre Vereinfachung und Reduktion.
Iran wird nicht zu einem Land, in dem nichts produziert und nichts gekauft werden kann. Es droht jedoch die Gefahr, dass nur noch ein begrenztes Sortiment an Waren hergestellt und erworben wird und das Konsumniveau um Jahrzehnte zurückfällt – während der Staat weiterhin funktionsfähig bleibt.
An diesem Punkt endet die Gültigkeit historischer Vergleiche. Die UdSSR, Deutschland, die USA und Großbritannien verfügten im Zweiten Weltkrieg über immense Industriekomplexe, die die Kriegsproduktion weitgehend eigenständig sicherstellen konnten. Die heutige Industriestruktur ist eine andere.
Selbst das weitgehend autarke Iran ist in einigen kritischen Technologiebereichen vom internationalen Markt abhängig. Der Krieg hat nicht nur Geschäfte und Restaurants getroffen, sondern auch die Grundlagen strategisch relevanter Industrien: die Energiewirtschaft, die Gasbranche, die Petrochemie, die Metallurgie und den Transportsektor. Deshalb kann die Zivilwirtschaft nicht unbegrenzt geopfert werden.
Ein Raketenwerk benötigt Metall und chemische Grundstoffe. Ein Hüttenwerk braucht Gas und Strom. Kraftwerke sind auf Ausrüstung und Ersatzteile angewiesen. Das gesamte System benötigt Eisenbahnen, Lastwagen, Ingenieure, Instandhaltungskräfte und Zehntausende gewöhnlicher Zulieferbetriebe. Wenn dieses Fundament zu erodieren beginnt, verschwindet die Grenze zwischen „ziviler“ und „militärischer“ Wirtschaft. Genau hier – und nicht am Wechselkurs des Rial an sich – verläuft die eigentliche Grenze der iranischen Widerstandsfähigkeit.
Um festzustellen, ob und wie nahe Iran an einer wirtschaftlichen Niederlage steht, empfiehlt es sich, weniger den Devisenkurs oder die allgemeine BIP-Entwicklung zu beobachten, sondern vielmehr vier andere Indikatoren im Auge zu behalten.
Erstens: der Energiesektor. Ist das Land in der Lage, die Industrie nachhaltig mit Strom und Gas zu versorgen?
Zweitens: die Schwerindustrie. Funktionieren Metallurgie, Petrochemie und die wichtigsten Verkehrssysteme weiterhin?
Drittens: die externen Technologiekanäle. Erreichen chinesische Werkzeugmaschinen, Elektronik, Motoren und andere kriegswichtige Komponenten Iran?
Viertens: die Geschwindigkeit beim Wiederaufbau des Rüstungskomplexes. Gelingt es Iran, zerstörte Fertigungsstätten schneller zu reaktivieren oder zu ersetzen, als der Gegner neue ausschalten kann?
Bislang bleibt das Bild gemischt. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm: Der IWF prognostiziert eine Rezession, die Inflation übertrifft die ursprünglichen Schätzungen, der Ölexport ist praktisch zum Erliegen gekommen, die industrielle Infrastruktur ist schwer in Mitleidenschaft gezogen. Andererseits deuten Anzeichen auf eine rasche Wiederherstellung eines Teils der Rüstungsproduktion hin – ein Hinweis darauf, dass das Land jene Schwelle, ab der eine makroökonomische Krise automatisch in eine militärisch-industrielle Krise umschlägt, noch nicht überschritten hat.
Der Druck der USA macht Iran deutlich ärmer. Doch die Verarmung der Bevölkerung allein bedeutet nicht den sofortigen Verlust der Fähigkeit, Krieg zu führen. In einer Mobilisierungswirtschaft kann vorübergehend sogar das Gegenteil eintreten: Der Gesamtkuchen schrumpft, dem zivilen Sektor bleibt immer weniger, während der Staat einen wachsenden Anteil der verbleibenden Ressourcen auf strategische Branchen konzentriert.
In diesem Fall wäre nicht die Tatsache, dass iranische Familien in Teheran keine neuen Haushaltsgeräte mehr kaufen, das entscheidende Anzeichen einer bevorstehenden Niederlage. Es wäre vielmehr der Moment, in dem die Fabriken, die Metall und Chemikalien für Raketen herstellen, den Betrieb einstellen, in dem es unmöglich wird, die benötigten Mikrochips aus China zu beziehen, und in dem es weder Mittel noch Fachkräfte gibt, um eine zerstörte militärische Produktionsstätte wiederaufzubauen. Nach den vorliegenden Informationen hat Iran diesen Punkt bislang nicht erreicht.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Dmitri Skworzow ist Wirtschaftsanalyst bei der Zeitung Wsgljad.
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