Russland kritisiert Österreich für Bauvorhaben auf Gelände ehemaliges KZ
Die russische Regierung hat scharf gegen Pläne der österreichischen Gemeinde Leobersdorf protestiert, auf dem Gelände des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Hirtenberg einen Supermarkt und ein Logistikzentrum zu errichten. …
Das russische Außenministerium hat den österreichischen Bauvorhaben auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Hirtenberg eine scharfe Absage erteilt. Auf dem Areal in Leobersdorf, rund 40 Kilometer südlich von Wien, sollen nach österreichischen Medienberichten eine große Kühl- und Logistikhalle sowie eine Filiale des deutschen Discounters Lidl entstehen. Das Gelände war bislang weitgehend unbebaut und birgt noch sichtbare Überreste des ehemaligen Lagers.
Hirtenberg war im September 1944 als Außenlager des KZ-Komplexes Mauthausen eingerichtet worden. Dort waren etwa 400 Frauen inhaftiert, die meisten von ihnen aus dem KZ Auschwitz dorthin verlegt worden und zu langen Schichten bei der Munitionsproduktion gezwungen worden. Nach Angaben der Mauthausen Guides stammte die größte Gruppe der Häftlinge mit 194 Frauen aus der Sowjetunion. Weitere Insassen kamen aus Italien, Polen, Jugoslawien, Ungarn, Kroatien, Deutschland und der Slowakei, einige von ihnen erst 16 Jahre alt. Das Lager wurde im April 1945 im Angesicht der heranrückenden Roten Armee geräumt.
Die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa bezeichnete den Beschluss, das Lagerareal zu bebauen, trotz öffentlicher Proteste als vollständige Heuchelei. Sie warf den österreichischen Verantwortlichen vor, das Andenken an die Opfer des NS-Regimes zu zementieren. Sacharowa stellte zudem einen Zusammenhang zur Frauenpolitik her: Wer für Frauenrechte eintrete und feministische Erfolge feiere, müsse auch das Gedenken an 400 deportierte und in einem Konzentrationslager gefangengehaltene Frauen schützen können, so die Sprecherin.
Auch in Österreich selbst hat das Projekt auf erheblichen Widerstand gestoßen. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Barbara Glück, nannte die Zerstörung der Lagerreste eine Schande. Oskar Deutsch, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Wien, verurteilte die Pläne ebenfalls scharf und warf den Investoren vor, mit dem Gedenken an gefolterte und ermordete Frauen Geld verdienen zu wollen.
Moskau hat wiederholt europäische Länder beschuldigt, Gedenkstätten aus dem Zweiten Weltkrieg zu entweihen oder auszulöschen – insbesondere solche, die die sowjetischen Opfer und die Rolle der Sowjetunion bei der Niederlage Nazi-Deutschlands würdigen. Sacharowa hatte derartige Vorfälle zuvor als Teil einer zunehmenden, erschreckenden Pandemie historischen Revanchismus bezeichnet. Das KZ Mauthausen und seine Außenlager galten als eines der größten Konzentrationslagers auf dem Gebiet des heutigen Österreichs, in dem nach Schätzungen mindestens 90.000 Häftlinge durch Mord, Hunger, Krankheiten, Erschöpfung und Misshandlungen ums Leben kamen.