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Deutschland

Vom „Schuldkult“ zum „Schuldstolz“: Wie Deutschland wieder arrogant (und kriegsbereit) wurde

Lesezeit 4 Minuten aktualisiert 26. August 2026, 21:28 Uhr

Von Alexej Danckwardt

Manchmal lohnt es sich, ein bereits verstanden geglaubtes Phänomen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Bestätigen sich die eigenen Beobachtungen aus dem neuen Blickwinkel, erwachsen die eigenen Hypothesen in den Stand bewiesener Theoreme. Stellen sich Unterschiede heraus, ergibt sich die Chance, die Hypothesen zu korrigieren. So oder so kommt man dem Verständnis des Phänomens näher.

Beobachtungen eines Ausgewanderten

Die jüngste Gelegenheit dazu bietet eine aktuelle Ausgabe des Podcasts Neutrality Studies des in Japan lebenden Schweizers Pascal Lottaz. Dieses Mal interviewte Lottaz den deutschstämmigen Philosophen Hans-Georg Moeller. Man bekommt dank der Person des Interviewten quasi drei Sachen in einem geliefert: Moeller ist Deutscher, in Westdeutschland geboren, wuchs hier auf, studierte Sinologie und Philosophie in Bonn. Er kennt „seine Pappenheimer“ somit bestens, zumindest die Zustände hierzulande bis zum Zeitpunkt, als Merkel an die Macht kam und er auswanderte.

Letzteres ist dann auch der Grund, warum man trotzdem eine Perspektive von außen erhält: Seit über zwanzig Jahren lebt und lehrt er in Macau, einer Hongkong ähnlichen chinesischen Sonderverwaltungszone. Die Fehlentwicklungen seit Merkel nimmt er darum in einer Schärfe wahr, die demjenigen, der „auf langsamer Flamme weichgekocht“ wurde, in der Regel fehlt. Und – dies wäre die dritte Sache im Überraschungsei – als Philosoph ist er nicht nur in der Lage, das Beobachtete prägnanter und pointierter zu formulieren, sondern hat auch gleich eine Theorie parat, warum wir dort angekommen sind, wo wir im Moment stehen.

Für einen „Russenversteher“ ist das, was Moeller über seinen zweimonatigen Heimataufenthalt in diesem Jahr zu erzählen hat, nicht neu. Es sind dieselben Muster an Arroganz und Besserwisserei, die Deutschland – vom „Normalbürger“ bis hin zum „Akademiker“ und „Experten“ – China gegenüber an den Tag legt. Hören wir rein:

„Jeder, egal ob er mich kannte oder nicht, versuchte mir zu erklären, wie schlecht China ist und wie schlimm und problematisch meine Lage dort sei. […] Mein Eindruck war, dass je weniger mein Gegenüber über China wusste, desto mehr fühlte er sich berufen, mich über China ‚aufzuklären‘.“

„Am deutschen Wesen …“

Dieses Phänomen, dass sich die Sachunkundigen zu Belehrungen und Urteilen aufschwingen, sei inzwischen in der Politik, in den Medien, aber auch in der akademischen Welt zu beobachten, stellt Moeller mit sichtbarem Erstaunen fest. Derjenige, der sich tatsächlich mit dem Land auskennt, gar in dem Land lebt und es von innen kennt, werde dagegen mit dem Label „Chinaversteher“ disqualifiziert und aus dem Diskurs ausgeschlossen. Man werde damit mit einem „Verräter“ gleichgesetzt, der die Sache des „Gegners“ fördere.

Man muss dafür aber nicht einmal in dem verteufelten Land leben: Moeller erzählt die Geschichte eines deutschen Sinologie-Professors, der in alter Gewohnheit einen Leserbrief an eine führende deutsche Tageszeitung schrieb, der offenbar nicht ganz im Sinne des Mainstreams war. Die Tageszeitung habe, so Moeller, diesen Leserbrief nicht nur nicht veröffentlicht, die Redaktion habe dem Sinologen sogar noch einen langen Brief zugeschickt, in dem sie ihm erklärte, warum seine Auffassungen nicht akzeptabel seien. Der Journalist, der die Antwort verfasste, habe den professionellen Sinologen dafür kritisiert, ein „Versteher“ zu sein, was keine Tribüne in den Medien erhalten dürfe.

Aufgefallen ist Moeller auch das Phänomen sogenannter „Experten“, die wir auf dem „Schlachtfeld Russland“ nun auch zu Genüge kennen. Statt mit dem offenen Visier in namentlich gekennzeichneten Meinungsartikeln setzt Deutschlands Propaganda nun auf eben diese „Experten“, mal anonym, mal namentlich bekannt und in jeder Talkshow sitzend, aber stets mit wenig Sachverstand ausgestattet, die dem offiziellen Narrativ den Schein wissenschaftlicher Autorität verschaffen. „Experten“ sind Antagonisten der „Versteher“: Die „Experten“ vertreten ja (anders als die „Versteher“) „die richtige, die akzeptable“ Meinung, politisch wie moralisch. Und „kritisches Denken“ bedeutet heutzutage, so Moellers Beobachtung, den „Experten“ widerspruchslos zu glauben und den „Verstehern“ in keinem Fall zuzuhören.

Ihm persönlich, sagt Moeller, falle es äußerst schwer, deutsche Medien zum Thema China zu lesen:

„Mich diesem subtilen Hass, dieser subtilen Propaganda auszusetzen, fällt mir psychologisch äußerst schwer. Ich kann höchstens ein paar Sätze lesen, die Nachrichten schalte ich nach wenigen Minuten aus.“

Auch das ist nichts, was uns „Russenverstehern“ unbekannt wäre. Aber genug der Zustandsbeschreibungen. Stellen wir fest, dass der mediale und politische Umgang des deutschen Mainstreams mit China viel Ähnlichkeit damit hat, wie mit Russland und dem russischen Volk umgegangen wird, und kommen zur Analyse, wie wir zu alldem kamen. Und da hat der Philosoph einiges zu sagen.

Die gegenüber Völkern anderer Kontinente belehrende und überhebliche Attitüde komme überall in Europa vor, meint Moeller, sei in Deutschland jedoch besonders stark ausgeprägt. Er glaube zwar nicht an einen „deutschen Nationalcharakter“, könne sich dieser empirischen Beobachtung aber auch nicht entziehen und müsste ihn dann doch zumindest in Erwägung ziehen.

Bei einer historischen Betrachtung, die der Chinakenner ebenfalls liefert (etwa zur europäischen Sinophobie während des Opiumkriegs oder des Boxeraufstands), zeigt sich, dass Hasspropaganda und all die Früchte, die sie trägt, stets Begleiterscheinungen geopolitischer Konflikte waren – oder, präziser gesagt, der europäischen Versuche, sich ein Land zur Kolonie zu machen

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